„Einmal umdrehen bitte“ – Virtual Reality

Apr 1, 2017 | 2 Kommentare

Lichter Filmfest Virtual Reality Storytelling Veranstaltungsplakate

Im Rahmen des Lichter Filmfests fand am 30.03.2017 eine VR-Konferenz zum Thema „Storytelling in Virtual Worlds“ statt.  ZDF Digital hatte zu dieser Konferenz in die Naxoshalle eingeladen.
Mit VR wurde in der Vergangenheit viel herum gespielt, der Siegeszug proklamiert und auch schon ein Abgesang eingestimmt, weil alles länger dauert, als man zuerst dachte. Doch nun mehren sich die Zeichen, dass die virtuellen Realitäten über Smartphone und Spielkonsole zunehmend ein Massenpublikum erreichen können. Die Vortragenden der Konferenz waren sich einig, dass man sich am Anfang einer Entwicklung befindet, die nun an Tempo zulegen wird.

Auf dieser Konferenz ging es weniger um die Finessen der VR-Technik, sondern darum, was beim Geschichten erzählen zu beachten ist. Auch hier der Konsens: wenn man Virtual Reality einsetzt, kann man viele Erzählstrategien, die sich in Film und Computerspielen bewährt haben, nicht mehr nutzen. Die Autonomie der VR-User, das Geschehen zu erforschen, muss mit der Notwendigkeit, einen Spannungsbogen zu kreieren und eine Geschichte zu erzählen, in Einklang gebracht werden.
Michael Kaschner (ZDF Digital) führte gut ins Thema ein und wies darauf hin, dass man bei VR eher in „Momenten“, als in „Szenen“ denken müsse. Ein Moment wird vom User erforscht , ist dies geschehen, wird er in den nächsten Moment geführt.

Virtual Reality Storytelling Momente Szenen

Konferenzschnipsel und Assoziationen

 

Man muss den an der GeschichteTeilnehmenden Zeit lassen sich in einer neuen Szenerie zu orientieren. Schnelle Schnitte, wie man sie heute beim Film gewöhnt ist, sind hier nicht das richtige Stilmittel. Tricks, den Blick zu führen oder anzuregen sich zu orientieren werden eingesetzt, damit der Betrachter nicht von der Fülle der Informationen überfordert wird. Erinnert an die Anfänge des Fernsehens, als Kuhlenkampf noch lange Gänge über die Bühne machte, um eine Kandidatin vorzustellen. Damals fand man das nicht langweilig, weil man noch nicht genug Erfahrung mit dem Medium hatte.

Wie Geschichten mit VR erzählt und über VR erlebt werden können, damit beschäftigt sich auch Alexander Herrmann (expanding focus). Er machte deutlich wie sehr es zur Zeit darum geht kollaborativ, interdisziplinär und experimentell die Möglichkeiten von VR zu erforschen. Sein Bericht von einem VR-Hackathon machte auf jeden Fall Lust selbst an soetwas teilzunehmen.

Astrid Kahmke (Bavarian Film Center) warf die interessante Frage auf, ob die Verantwortung der Geschichtenerzähler/produzenten wächst, da sich die Rezeption verändert und zum Teil nicht mehr von wirklich Erlebten unterschieden werden kann. Sie führte dies unter anderem darauf zurück, dass der Körper nicht mehr passiv ist und sich daher die Wahrnehmung stark verändert. Ich bin gespannt, ob dies nur ein „Anfänger“-Phänomen ist oder so bleibt. In den Anfängen des Films sind die Menschen auch erschrocken aufgesprungen, als ein Zug auf sie zufuhr. Sollte die These aber stimmen, dass die Wahrnehmung wesentlich tiefer geht, als bei anderen Erzählformen, dann ist es tatsächlich wichtig zu überlegen, in wie weit man z.B. traumatische Erfahrungen bei jemandem auslösen könnte.

VR und Verantwortung

Es wird spannend, wenn VR beginnt die Körpersprache mit einzubeziehen. D.h. „Hand“-lung ist wieder viel näher an uns dran. Damit verschwimmen weiter die Grenzen zwischen dem was wir als real erlebt empfinden und dem was wir nur „ansehen“. Die „vierte Wand“ fällt.

Kay Meseberg (arte360 VR) zeigte, was auf arte schon mit 360-Grad Filmen erzählt wird. Aus seiner Erfahrung funktionieren Dokumentationen, fiktionale Erzählungen und auch News gut.
Gerade bei den Nachrichten wird es aber schnell fragwürdig, ob und wie man die Technik einsetzt. Bei der journalistischen Tätigkeit geht es ja auch um eine Bewertung der Situation und in wie weit man dieser Verantwortung mit 360 Grad Szenarien gerecht werden kann ist die Frage.

arte 360 Grad Virtual Reality

 

Strategien im VR-Storytelling

Drei Strategien haben sich für mich während des Tages heraus kristallisiert, mit denen das Grundproblem beim Storytelling im virtuellen Raum gelöst werden soll/kann.

  • Man macht sich „Zaubertricks“ zu eigen und lenkt so die Aufmerksamkeit des Betrachters an bestimmte Punkte in der Szenerie. Kann gleichzeitig, wenn der Betrachter abgelenkt ist, „hinter seinem Rücken“ Inhalte/Situationen verändern.
  • Methode der „Forced Perspective“ , die  Joregen Geerdes (Koncept VR) vorgestellt hat. Hier kann man sich im VR umsehen, aber wenn man an völlig unspektakulären Orten verweilt, wird der Blick technisch auf das Hauptgeschehen zurück gelenkt.
  • Man richtet die gesamte Umgebung so ein, dass überall im Bild ein Teil der Geschichte erzählt wird und man so nicht „verloren“ gehen kann.

 

Storytelling with VR

Außerdem wurde von allen Referenten betont, dass Sound (schon immer wichtig für Storytelling in Film und Computerspielen) eine entscheidende Rolle für ein gutes Storytelling im virtuellen Raum spielt. Sowohl für die Orientierung im Raum, als auch für die Lenkung der Aufmerksamkeit kann Sound sehr viel bewirken.
Henrik Oppermann (viusalise) ist einer der führenden 3D-Sound-Experten und hat einiges zum Stand der Technik erzählt. Er meint, dass 3D-Sound auch für den Hörbuchmarkt, Hörspiele und Musik relevant werden wird. Der Raum als Koordinate beim Sounderleben, so wie man es live kennt, kehrt so auch ins Digitale zurück. Eine interessante Entwicklung.

Spannend und unheimlich zugleich

Ein spannender Tag. Es wurden die Möglichkeiten von VR in der Zukunft angerissen und die gegenwärtigen Strategien des Storytellings aufgezeigt. Was von den Prognosen  eintreten wird und wie sich das Storytelling weiter entwickelt, wird sich zeigen. Spannend und unheimlich zugleich, wenn man die Entwicklungen weiter denkt.

Je mehr wir unsere reale Umwelt zerstören, desto stärker bauen wir uns künstliche Welten, in die wir unser Erleben verlagern können. Wir binden uns stärker ans Digitale, um Erfahrungen zu machen. Was mit Erlebnisparks und Shoppingmals begann, geht jetzt in die nächste Dimension. Tauchen wir also völlig ab oder nutzen wir VR intelligent? Denn VR kann auch eine Chance sein, Geschichten zu erzählen, die unterschiedliche Perspektiven noch besser vermitteln können, die uns sogar empathischer werden lassen könnten, indem wir das Erleben eines anderen fast am eigenen Leib erfahren.

VR Brille ZDF Digital VR LAB

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Das Lichter Filmfest findet noch bis einschließlich Sonntag, den 02.04.2017 statt. Es loht sich einen Blick in das Programm zu werfen >>

Hier ergänze ich immer mal wieder Links zum Thema, die ich interessant finde
Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung zum Thema VR >>
Fraunhofer InnoVisions „360°-Videos und VR – Medienkonsum der Zukunft“ (Soundcloud 27 min)

2 Kommentare

  1. Interessante VR-Konferenz. Wie sich die Filmindustrie mit Virtual Reality entwickeln wird bleibt spannend. Ein wichtiger Aspekt, den man nicht außer Acht lassen sollte, ist die Übelkeit, was bei vielen VR-Usern ja auftritt. Das wird wohl beim Storytelling auch eine Herausforderung sein.

    Antworten
    • Hallo Murat, danke für Deinen Kommentar. Ja, interessanter Ansatz der möglichen Übelkeit auch mit Storytelling entgegen wirken zu wollen. Sound könnte da vielleicht auch für „stabilere“ Orientierung eine Rolle spielen.

      Antworten

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